Sonntag, 16. März 2008

Down

Sie dreht sich. Dreht sich weiter. Dreht sich um ihre eigene Achse. Bis sie alles vergessen hat. Alles, was man ihr zu lernen aufgezwungen hat. Wie man denkt. Wie man handelt. Wie man wahrnimmt.

Sie dreht sich, bis sie auf den Boden fällt und ihr Kopf auf den Steinplatten aufschlägt. In diesem Moment ist sie frei. Ist alles aus ihr heraußen. In diesem Moment spürt sie, wie es ist, man selbst zu sein. In diesem Moment gibt es nur sie, wie sie ist. Gibt jedes Teilchen aus dem sie besteht. Jedes einzelne kann sie wahrnehmen.

Danach kommt die Unendlichkeit. Die Unendlichkeit ist die wunderbarste Indifferenz. Die Unendlichkeit ist dort, wo man nicht mehr für andere Menschen fühlen muss. Das ist die größte Erleichterung. Sie existiert nicht mehr, sondern ist nur mehr die Indifferenz selbst. Sie kann sich lösen von allem. Vom Menschen.


Nach der Unendlichkeit kommt das Erschrecken. Weil alles wiederhergestellt wurde. Irgendwo hat es, sie, er sie in jene Welt gesetzt, aus der sie zu fliehen versucht hat. Man hat ihr die Indifferenz genommen. Hat ihr Liebe gegeben. 

Hat ihr wieder die Fähigkeit zur Wahrnehmung des physischen Schmerzes gegeben. Jener Schmerz, der mit jener Wunde an ihrem Hinterkopf verbunden ist, aus dem das Blut so unbarmherzig trickelt. Der mit ihrem Kiefer verbunden ist.

Man hat ihr die heilendste aller Fähigkeiten zurückgegeben. Jene des Schmerzes.


Als sie aufgehoben wird, ist ihr, als wäre sie Liebe und Schmerz zugleich, für immer, und doch nur in diesem einzigartigen Moment. Sie sieht, wie sich die Welt an ihr vorbeibewegt. Jene Welt, deren sie ein Teil ist.


Aufwachen. In einem Raum. Allein. In einer Welt, die alles, was sie hervorbringt, erniedrigt. Aufrichten. Wahrnehmen. Leiden.

Sie verlässt den Raum. Ungeachtet ihrer Schmerzen. Reißt die Tür auf, stürzt in ein dunkles Loch. Windet sich am Boden vor Schmerz. Und genießt es. Kann wieder sie selbst sein.


Und später, Wochen später, als ihr Kopf nur mehr dunkel pocht, und die Haare ein wenig angefangen haben zu wachsen auf der Wunde, weiß sie, dass alles umsonst war. Dass man sich nahe kommen kann, und sich im nächsten Moment wieder verloren haben kann. 

Sie kann lieben, sie liebt und leidet.



Menschsein ist zerstören
verwirren
 verzweifeln

Freitag, 14. März 2008

Einkaufsrevolution I - Textilien

Ich habe einen Haufen Hosen. Ich habe einen Haufen Leiberl. Ich habe einen Haufen Pullover, Jacken, Röcke, Schuhe, Socken, Unterwäsche, Hauben und Handschuhe. Nicht, dass mir die Haufen nicht genug wären, es ist nur so, dass ich mir unbedingt was neues kaufen will. Ich habe sieben blaue Hosen, aber keine dunkeldunkelblaue, die anderen sind alle dunkelblau. Ich kann also einen neuen Kauf absolut verantworten. Ich brauche die neue Hose. Ab dem Moment, wo ich die Hose bezahle, bin ich richtig aufgeregt. Ab dem Moment, wo ich die Hose anziehe, bin ich glücklich. 
Ich habe die Hose in dem Geschäft mit der Dudelmusik gekauft. Wie sie dorthin gekommen ist? Hab ich mir noch nie überlegt, ist mir egal. Im übrigen suche ich mir das Geschäft unter dem Gesichtspunkt des Preises aus, ich gehe dort hin, wo die Hosen am billigsten sind. Freie Marktwirtschaft und so. Ob ich das mit meinem Gewissen verantworten kann? Ja, natürlich, ich denke ja auch nicht wirklich darüber nach, und überhaupt: Was ist schon verwerflich an einem Hosenkauf? Ich wäre doch blöd, wenn ich eine teurere Hose kaufe, das hat doch auch für mich gar keine Vorteile.

Man hat also alles doppelt- und dreifach, alles haufenweise, und trotzdem: Ein Haufen ist eben nicht genug, und vor allem nicht gut genug; der Haufen muss erweitert, erneuert, verbessert werden. Im Grunde geht es gar nicht darum, einen Haufen zu haben - ganz im Gegenteil, er kann einem schnell zu groß werden - der wirkliche Hintergrund ist einerseits das Nicht-Nachdenken und andererseits die Verlockung des Neuen, die Identifikation damit und sein Symbolwert. Dass Konsumgüter zur Identifikation mit ebensolchem verleiten und zum Statussymbol werden können, ist klar, die Gründe dafür sind vermutlich psychologischer Natur; und obwohl auch sie wohl überdacht werden können, sind sie doch jedem Menschen immanent. Es ließe sich also auch viel über das Verhältnis Mensch-Konsum-Gesellschaft sagen, was aber viel wichtiger ist als die psychologische Komponente, das ist die soziale - und zwar im Bezug auf die Produktion der Güter und den Handel damit.
Mit dem Nachdenken über Konsum hält es sich nämlich anders als mit den Aspekten des Wieso, Wieviel und Was konsumieren: Nachdenken und Selbstreflexion, oder eben Nicht-Nachdenken und Nicht-Selbstreflexion sind Sachen der Faulheit. Willentlich kann man hier 180°-Drehungen in kürzester Zeit durchführen, das unreflektierte Durch-die-Welt-Wandeln druch Hinterfragen ersetzen.
Moderne Konsumkritik sollte also meiner Meinung nach stark auf wirtschaftlichen Fakten etc. basieren und weniger auf dem Hinterfragen der Gründe des Konsums. 
 

Donnerstag, 13. März 2008

Individuelle Ähnlichkeit

Spannend ist es mitanzusehen, wie jeder von uns Individualist sein möchte (eine ordentliche Selbbeobachtung natürlich mitinbegriffen). Blöd nur, dass man als Individualist einer aus einer millionenstarken Gruppe ist, die sich als Menge aller Bewohner der westlichen Industriestaaten klassifizieren lässt; einer aus jener Gruppe, in der der Individualismus selbst der Trend ist. 

Spannend, wie die Leute kramphaft versuchen, anders und besser als die anderen zu sein, und sich gerade darin so ähneln.
Spannend, wie der Individualismus den Rationalismus ersetzen und verdrängen kann.

Mittwoch, 12. März 2008

Mit den Leuten reden

Eines der wichtigsten Dinge überhaupt ist mit den Leuten zu reden und auf sie zuzugehen (vorausgesetzt, man möchte zumindest ein bisschen an unserer Gesellschaft teilhaben). Lustig wirds dann, wenn man auf offensichtlich anders denkende Menschen zugeht - es geht nichts über die Erfahrung! Jedes noch so verrückt sinnlose Gespräch und jede gemeine und unfaire Diskussion bringen einen um so viel weiter, dass man, befindet man sich in der Verfassung dazu, Kommunikation als Chance ansehen sollte - auch als Chance, etwas Bizarres zu erleben. Denn das Bizarre ist es, was das Leben so abartig aufregend macht. 

... ja, und ich wollte immer schon einmal den kafkaesken Dachboden, wo sich die Bürokratie des Gerichtes abspielt und die Weichen für DEN Prozess gelegt werden, betreten.

Dienstag, 11. März 2008

Clases de Español

Du bist mehr Spanierin als du denkst... oder doch nicht?

Jeden Dienstag Nachmittag finden sich in einer gewissen Stadt in einer gewissen Schule in einem gewissen Kämmerchen fünf Leute ein, um etwas zu tun, das niemand von ihnen erwarten würde (und zu dem sie niemand, der ihnen gut gewillt ist auch nur annähernd zwingen würde): Sie praktizieren Spanischunterricht der stark satirisch anmutet. Man muss sich das folgendermaßen vorstellen: Vier zivilisierte und halbwegs intelligente Mädchen und eine zivilisierte und halbwegs intelligente Lehrerin halten sich gute eineinhalb Stunden in einem Raum auf, in dem keine der fünf sein will. Es werden Übungszettel, die beim Erlernen abstrakter Konstruktionen helfen sollen, verteilt, in ungefähr monatlichen Abständen ein Test - von der einen oder anderen auch salopp als "Scherzartikel" bezeichnet - abgehalten und manchmal sogar Themen diskutiert, die die Welt bewegen. Von genmanipuliertem Soja samt Kritik an den Konzernen bis Unterwäsche - alles war schon einmal da.

Der Schmäh zwischen den fünf - richtigerweise muss man sagen durchschnittlich drei - ist tiefironisch und sarkastisch, mitsamt dem dazugehörigen Kopfschütteln, Augenniederschlag und Seufzen. Machte sich jemand auf, ein filmisches Werk über diese Stunden zu schaffen, so besäße dieses eine stark bizarre Komponente. 

Samstag, 8. März 2008

Roadtrips

Roadtrippin' with my two favourite allies
Fully loaded we got snacks and supplies
It's time to leave this town
It's time to steal away

(Red Hot Chili Peppers: Roadtrippin')

Roadtrips sind eine verrückte Sache. Mehr oder weniger zwingende Vorraussetzung für sie ist leider eine bestandene Führerscheinprüfung, was bedeutet, dass der Spaß erst ab dem 17./18. Lebensjahr anfängt. Einen Roadtrip zu veranstalten ist nicht schwierig: Man braucht ein paar Leute, ein möglichst krampertes Auto mit wenigstens einem Lackerl Sprit im Tank und eine Destination, von der man nach Möglichkeit keine Ahnung hat, wo sie sich befindet. Eine ordentliche Jause im Kofferraum ist zwar nicht zwingend nötig und kann als Luxus angesehen werden, empfiehlt sich aber trotzdem.

Was auf keinen Fall dabei sein darf, das ist ein Navigationssystem - auch "Spaßverderber" genannt. Es wurde zwar auch schon von Roadtrips mit Navigationssystemen berichtet, wo sich die Frau mit der erotischen Stimme aus dem Kasterl heraus sozusagen mit den Roadtrippern auf ein Packerl geworfen hat und ihnen durch absolut verrückt falsche Angaben zu einem schönen Roadtrip verholfen hat, der Regel entspricht dies jedoch nicht.

Faktoren, die eine Roadtrip zu einer Spaßpartie machen können sein:
  • Das Wetter: Regen, Nebel, Sonne, Sturm - alles ist erlaubt wenn man in seiner Kiste durchs Land düst, Hauptsache es verzögert die Fahrt.
  • Die Mitfahrer: Leute, die Freude am Sinnlosen und Bizarren haben, und im Idealfall schon vor dem Antritt der Fahrt spaßig drauf sind.
  • Die Destination: Völlig ungewiss.
  • Das Gefährt: Klappernd, klein, vermüllt und veraltet.

Freitag, 7. März 2008

Faszination Nutzloses Wissen

Viel von dem Wissen, das man sich freiwillig oder gezwungenermaßen aneignet, ist schlichtweg nutzlos. Was wirklich spannend ist, ist das, was gemeinhin als "nutzloses Wissen" bezeichnet wird, es sind jene Tatsachen, die zu lernen einem den Tag erträglicher machen. Sonderbarerweise merkt man sich Nutzloses um Häuser besser als vermeintlich Sinnvolles. 

Denn wer findet es nicht aufregend, dass sich die alten Hispanier die Zähne mit Urin reinigten, die Haut des Menschen etwa dreieinhalb Kilo wiegt und man als Erwachsener pro Tag 30 bis 60 Haare verliert? 

Anderes Interessantes:
  • Der Mensch hat im Mund mehr Bakterien als im After.
  • Die Oberfläche der menschlichen Lunge entspricht einem Tennisplatz.
  • Die Nasenscheidewand heißt auf lateinisch columella nasi.
  • Die kinderreichste deutsche Frau hatte 53 Kinder.
  • Eine Sonntagsausgabe der "New York Times" verbraucht 63.000 Bäume.
  • Im Durchschnitt enthält jeder Mensch zwei Moleküle des letzten Atems Julius Caesar.
  • Blut ist nur weniger dicker als Wasser.
  • Mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen verbraucht pro Stunde etwa 150 Kalorien.
  • Der letzte Dodo starb 1681.
  • Nur männliche Kanarienvögel können singen.
  • Krokodile sind farbenblind.
  • Ein Mann von 68 kg reicht gerade zu eine Mahlzeit von 40 Kannibalen.
  • In den USA gibt es mehr Psychoanalytiker als Briefträger.
  • 90% aller Inderinnen sind mit 20 verheiratet.
  • Schnecken haben bis zu 25.000 Zähne.

Ob es stimmt oder nicht, ist im Grunde egal. Was zählt, das ist die Belustigung, das Bizarre. 

Was einem beim Thema "bizarr" unweigerlich in den Sinn kommt, das sind Französisch-Stunden. Womöglich liegt gerade in der bizarren Komponente der Grund meines eigentlich unerklärbaren Talents für Französisch - Bizarres, Verrücktes, Sinnloses merkt man sich am besten.

Donnerstag, 6. März 2008

REIFEprüfung

Der lange prognostizierte Maturastress ist nun wirklich eingetreten; bis vor kurzem noch unvorstellbar, scheint ein Dahinexistieren ohne ihn mittlerweile unmöglich. Eine wichtige Komponente dabei ist offenbar das schlechte Gewissen, das einen permanent an die eigene Inkonsequenz erinnert. 
Bedenkt man, dass gute 90% der Lernzeit verplempert werden mit Durchs-Fenster-Hinausschauen, Tee-Trinken, Was-Essen-Gehen, Kurz-einmal-ins-Internet-Schauen, Ein-Minütchen-wen-Anrufen und Sonstigem, so ist Lernen eigentlich eine ziemlich zeitaufwändige Sache. Aus diesem Umstand heraus hat sich ein fast täglich stattfindendes kollektives Heimgehen um zwölf Uhr eingebürgert, das die Klasse halb leer hinterlässt - natürlich, derjenige, der daheim wirklich lernt und konsequent arbeitet existiert de facto nicht - es wird vermutet, dass er der völlig abgedrehten Imagination eines "Erwach-senen" entsprungen ist - aber da der gute Wille zählt, muss man fast sagen, dass das Schwänzen in unserem Fall löblich ist.

Was immer wieder das eine oder andere Gemüt erheitert, ist die Tatsache, dass die Prüfung der Prüfungen (um einen subtilen Scherz einzubauen), die Matura, unsere Reife bezeugen soll (lat. "maturitas" = die Reife). Die geistige Reife als Hauptanforderung für ein Bestehen der Matura festzulegen würde vermutlich in einer Massenaberkennung deren enden. Besser wäre es, den ersten Teil des Wortes "Reifeprüfung" einfach als irreale Möglichkeit aufzufassen, ja, man könnte reif sein, aber wer will das schon? Denn obwohl die Zeit bis zur Matura hin sicher noch stressiger wird als sie schon ist, hat alles eine verdammt abgefreakte Grundkomponente, die höchst vergnüglich ist und gerade durch unsere Unreife hervorgerufen wird.

Aus unerfindlichen Gründen identifiziere ich mich ungemein mit dem Maturantinnen-Dasein, auf die Frage, wer ich denn sei, und was ich denn so mache, antwortete ich vor kurzem, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil lang nachzudenken: "Ich bin Maturantin." 
Maturantin zu sein ist jener Zustand, dessen man ab dem ersten Schultag im Gymnasium harrt. Hat man es schließlich bis in die ACHTE Klasse geschafft, so kommt einem alles äußert läppisch vor - zumindest in den ersten Monaten. Der große Schmäh hält Einzug, der Französich-Unterricht wird zum Mitmach-Kabaret, die Geografie-Stunden zur Anwesenheits-Parodie, die stark mit dem Aspekt der Abwesenheit spielt. Die Witze gehen mitunter unter die Gürtellinie; Entschuldigungen können nun von uns, den Ab-und-zu-Anwesenden, selbst unterschrieben werden, was exzessiv betrieben wird. 
Wenn die Matura dann näher rückt, kommen die Vormittag-langen Schularbeiten, die jedem den letzten Nerv rauben, denn es gibt nur wenig Schlimmeres, als gezwungen stundenlang über das Leben nach 60 auf Englisch zu philosophieren oder abstrakte Flächen um x-Achsen rotieren zu lassen. 

Womöglich machen wir uns sinnlos gegenseitig den Stress mangels gegebener Stressoren, nur um dem Bild der gestressten MaturantInnen gerecht zu werden; Faktum ist jedoch, dass wir uns in einem dauerhaften geistig erregten Zustand befinden, der lästig ist.
Und trotz allem muss ich sagen, dass das Maturantinnen-Sein die bisher beste Phase meines Lebens ist (ja, sogar besser als die von jedem im Nachhinein so unverhältnismäßig stark idealisierte Kindheit).