Der lange prognostizierte Maturastress ist nun wirklich eingetreten; bis vor kurzem noch unvorstellbar, scheint ein Dahinexistieren ohne ihn mittlerweile unmöglich. Eine wichtige Komponente dabei ist offenbar das schlechte Gewissen, das einen permanent an die eigene Inkonsequenz erinnert.
Bedenkt man, dass gute 90% der Lernzeit verplempert werden mit Durchs-Fenster-Hinausschauen, Tee-Trinken, Was-Essen-Gehen, Kurz-einmal-ins-Internet-Schauen, Ein-Minütchen-wen-Anrufen und Sonstigem, so ist Lernen eigentlich eine ziemlich zeitaufwändige Sache. Aus diesem Umstand heraus hat sich ein fast täglich stattfindendes kollektives Heimgehen um zwölf Uhr eingebürgert, das die Klasse halb leer hinterlässt - natürlich, derjenige, der daheim wirklich lernt und konsequent arbeitet existiert de facto nicht - es wird vermutet, dass er der völlig abgedrehten Imagination eines "Erwach-senen" entsprungen ist - aber da der gute Wille zählt, muss man fast sagen, dass das Schwänzen in unserem Fall löblich ist.
Was immer wieder das eine oder andere Gemüt erheitert, ist die Tatsache, dass die Prüfung der Prüfungen (um einen subtilen Scherz einzubauen), die Matura, unsere Reife bezeugen soll (lat. "maturitas" = die Reife). Die geistige Reife als Hauptanforderung für ein Bestehen der Matura festzulegen würde vermutlich in einer Massenaberkennung deren enden. Besser wäre es, den ersten Teil des Wortes "Reifeprüfung" einfach als irreale Möglichkeit aufzufassen, ja, man könnte reif sein, aber wer will das schon? Denn obwohl die Zeit bis zur Matura hin sicher noch stressiger wird als sie schon ist, hat alles eine verdammt abgefreakte Grundkomponente, die höchst vergnüglich ist und gerade durch unsere Unreife hervorgerufen wird.
Aus unerfindlichen Gründen identifiziere ich mich ungemein mit dem Maturantinnen-Dasein, auf die Frage, wer ich denn sei, und was ich denn so mache, antwortete ich vor kurzem, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil lang nachzudenken: "Ich bin Maturantin."
Maturantin zu sein ist jener Zustand, dessen man ab dem ersten Schultag im Gymnasium harrt. Hat man es schließlich bis in die ACHTE Klasse geschafft, so kommt einem alles äußert läppisch vor - zumindest in den ersten Monaten. Der große Schmäh hält Einzug, der Französich-Unterricht wird zum Mitmach-Kabaret, die Geografie-Stunden zur Anwesenheits-Parodie, die stark mit dem Aspekt der Abwesenheit spielt. Die Witze gehen mitunter unter die Gürtellinie; Entschuldigungen können nun von uns, den Ab-und-zu-Anwesenden, selbst unterschrieben werden, was exzessiv betrieben wird.
Wenn die Matura dann näher rückt, kommen die Vormittag-langen Schularbeiten, die jedem den letzten Nerv rauben, denn es gibt nur wenig Schlimmeres, als gezwungen stundenlang über das Leben nach 60 auf Englisch zu philosophieren oder abstrakte Flächen um x-Achsen rotieren zu lassen.
Womöglich machen wir uns sinnlos gegenseitig den Stress mangels gegebener Stressoren, nur um dem Bild der gestressten MaturantInnen gerecht zu werden; Faktum ist jedoch, dass wir uns in einem dauerhaften geistig erregten Zustand befinden, der lästig ist.
Und trotz allem muss ich sagen, dass das Maturantinnen-Sein die bisher beste Phase meines Lebens ist (ja, sogar besser als die von jedem im Nachhinein so unverhältnismäßig stark idealisierte Kindheit).
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen